Winterverhältnisse im August - Tourenwoche im Wallis
Daten Weisshorn:
Gebiet: Wallis
Ausgangsort: Zinal
Zustieg zur Tracuithütte: ca. 4,5h
Gipfelaufstieg: ca. 8h
Schwierigkeit: ZS+ (III+ im Fels)
Daten Dufour-Spitze:
Gebiet: Wallis
Ausgangsort: Zermatt
Zustieg zur Monte-Rosa-Hütte: ca. 5h
Gipfelaufstieg: ca. 7h
Schwierigkeit: WS+ (III- im Fels)
Führer: Goedecke: 4000er, Bruckmann, Brandt: Walliser Alpen, SAC
Das sollte er eigentlich sein, der bergsteigerische Höhepunkt für dieses Jahr: Der
Nordgrat des Weisshorns. Selten begangen, lang, ausgesetzt und wunderschön. Bei jeder
Trainingseinheit schwirrte es mir im Kopf rum: "Du willst fit sein fürs Weisshorn". 16h,
die meiste Zeit davon über 4000m, volle Konzentration. Zwei Wochen zuvor bin ich quasi als
letzten Test noch mit dem MTB über die Alpen gefahren, es bestand kein Zweifel, die
gewünschte Kondition war vorhanden. Nun sollte es endlich soweit sein. Ronald und ich
hatten uns für dieses Vorhaben die komplette Woche freigenommen. Die Wettervorhersage sah
eigentlich sehr gut aus, für die gesamte Woche war Sonnenschein vorausgesagt, allerdings
hatte es in den Wochen zuvor schon sehr viel geschneit bzw. geregnet. Wir brauchten also ein
paar Tage Sonnenschein, damit die Felsabschnitte vom Schnee befreit werden würden. Schon
auf der Hinfahrt nach Zinal kamen die ersten Zweifel auf. Es goss von Anfang an in Strömen.
Nachmittags im Regen in Zinal angekommen, zeigte die Karte am Bergführerbüro eine eher
durchwachsene Wetterprognose. Der nächste Tag sollte weiterhin unbeständig sein,
danach aber 2 Tage Sonne. Unser Plan war nun folgender: Montags Aufstieg zur Tracuit-Hütte,
Dienstags latschen wir aufs Bishorn und schauen uns den Zustand des Nordgrats an und falls alles
OK ist versuchen wir den Aufstieg am Mittwoch. Als wir am nächsten morgen aufwachten,
traute ich meinen Augen nicht, es hatte etwa bis auf 1800m runter geschneit. Wir machten uns
dennoch auf in Richtung Tracuit-Hütte und es dauerte auch nicht lange, da befanden wir uns
mitten drin im dichten Schneetreiben. Wir schätzten, dass es in der Nacht schon ca. 20-30cm
Neuschnee gegeben hatte und es schneite munter weiter. Bei unserer Ankunft war die
Tracuit-Hütte mit ca. 80 Leuten bereits gut gefüllt, auffällig waren die vielen
Jugendgruppen. Wir erkundigten uns natürlich sofort beim Hüttenwart nach den
Verhältnissen und bekamen die erwartete Antwort. 1) Es hätte seit längerem keiner
mehr die Tour gemacht und 2) wir müssten uns darüber im klaren sein, dass wir absolute
Winterbedingungen hätten. Nun gut, dachten wir, dann verschaffen wir uns morgen wie geplant
vor Ort einen Überblick. Das bedeutete, dass wir erst um 5:00 aufzustehen mussten, um uns
dann in die Karawane der Bishorn-Besteiger einzureihen. Draußen schneite es derweil stetig
weiter, wir genossen in der warmen Hütte den obligatorischen, (hochgeschleppten) Rotwein.
Am nächsten Morgen, nach einem äußerst spärlichen Frühstück,
machte wir uns auf die Socken. Draußen war zwar alles in weiß, aber das Wetter
zeigte sich von seine besten Seite. Strahlend blauer Himmel, keine Wolke weit und breit. Und die
Lage der Tracuit-Hütte ist einmalig, man hat eine phantastischen Ausblick auf die
Wallis-Schönheiten wie Zinalrothorn, Obergabelhorn oder Dent Blanche. Zu meinem Verdruss
musste ich feststellen, dass meine Digitalkamera den Dienst quittiert hatte, so konnte ich weder
Bilder von dem traumhaften Sonnenaufgang noch von der weiteren Tour machen. Der Aufstieg zum
Bishorn ist an sich technisch sehr einfach und kurz, führt aber über den
Turtmanngletscher, der es heute in sich hat, da alles mit einer Schicht Puderzucker bedeckt ist.
Die Spur scheint alles andere als glücklich gewählt zu sein, man sieht bereits mehrere
Einbruchsspuren. Und kaum habe ich mich versehen, verschwindet Ronald bis zu Schulter in einer
Spalte. Es ist aber keine große Sache, ich halte das Seil schön straff und er kann
eigenständig wieder herausklettern. Weiter gehts. Auf dem Gipfel des Bishorns herrscht
reger Betrieb, wir machen nur kurz Rast und ziehen gleich weiter zum Nordgrat des Weisshorns.
Der erste Schneegrat ist erstaunlicher Weise recht problemlos zu passieren, es scheint als
hätte es einen Großteil des Neuschnees (ca. 50cm!) vom Grat geblasen. Die Sache sieht
aber ganz anders aus als wir auf den ersten felsigen Teil des Grats treffen. Der Fels ist
brüchig und durch die Schneeschicht, die locker obendrauf liegt, weiß man
überhaupt worauf man tritt. Sehr heikel, das Ganze. Wir fangen an jeden Meter im Fels zu
sichern und kommen daher nur im Schneckentempo voran. Wir brauchen gute 2h für wenige 100m.
Macht zwar Spaß, die Umgebung und der Tiefblick sind gigantisch, aber uns wird schnell
klar, dass wir so morgen keine Chance haben werden bis zum Gipfel vorzudringen. Der Grat ist
mehrere Kilometer lang und wir sind noch nicht mal zu den schwierigen Teilen vorgestoßen,
zumal sämtliche Haken unter einer dicken Schneeschicht begraben sein werden. Schade,
Schade, aber unter diesen Bedingungen werden wir keinen Aufstieg wagen. Mit dieser Erkenntnis,
legen wir erstmal eine Rast ein und machen uns dann auf den Rückweg. Als wir das zweite mal
an diesem Tag auf dem Gipfel des Bishorn stehen, sind wir ganz alleine. Ich bin zwar einerseits
leicht enttäuscht, anderseits völlig eingenommen von der phantastischen Umgebung. Und
ohne den ganzen Rummel, kann man diese auch wirklich genießen. Ronald passiert auf dem
Gipfel noch ein kleines Missgeschick: Als er seine Jacke aus den Untiefen seines Rucksack holen
will, wird sein Helm, den er zuvor rausgelegt hat, vom Wind erfasst und segelt das Bishorn
hinab. Kaputte Kamera, Helm verloren - es sollte eine teure Woche werden. Wir steigen ab und
erreichen gerade rechtzeitig zum Abendessen die Tracuit-Hütte. Dort erfahren wir, dass die
weitere Wetterprognose nichts Gutes verheißt. Für morgen, Mittwoch, weiterhin Sonne,
aber ab Donnerstag Mittag bis zum Ende der Woche nur noch schlechtes Wetter. Wir sind ziemlich
unschlüssig, wie wir die verbleibende Zeit noch nutzen können. Am nächsten morgen
steigen wir ab nach Zinal, baden in der eiskalten La Navisence und machen uns erstmal etwas zu
Essen. Was wir tun werden, wissen wir immer noch nicht. Anvisierte Ziele wie der Nadelgrat oder
Zinalrothorn dürften in einem ähnlich schlechten Zustand sein. Kurz entschlossen rufen
wir auf der Monte Rosa Hütte an, die uns versichern, dass wir noch eine Platz zum schlafen
und auch noch eine Kleinigkeit zum Essen bekämen, selbst wenn wir verspätet dort
eintreffen würden. Die Dufour-Spitze sollte es also sein. Nicht besonders schwierig, aber
wohl auch unter diesen Bedingungen gut machbar. Und es ist immerhin höchster Gipfel der
Schweiz und Zweithöchster der Alpen. Ab gings nach Zermatt, Richtung Monte Rosa Hütte.
Bei Aufstieg zur Hütte treffen wir 2 "alte" Bekannte. Das Pärchen, das wir auf unserer
Berner Oberland Skitour Ende Mai kennen gelernt hatten. Die Beiden hatten gerade eine Breithorn,
Castor, Pollux, Lyskamm, was weiß ich nicht was, Überschreitung hinter sich gebracht
und waren vollkommen ausgepumpt. Kurzer Schwatz und dann gings weiter bis zur Hütte, wo wir
sogar trotz Verspätung noch eine komplette Mahlzeit bekamen. Die Monte Rosa Hütte ist
in meine Augen perfekt organisiert, unglaublich wie gut dort alles eingespielt ist. Keine
Hektik, auch wenn die Hütte gut gefüllt ist. Selbstverständlich haben wir wieder
etwas Rotwein hochgeschleppt und sitzen so, unterhaltend, Wein trinkend noch viel zu lange rum,
bis wir irgendwann vom Hüttenpersonal gebeten werden, doch bitte ins Bett zu gehen. Kein
doofer Gedanke, schließlich sollte es um 2:00 morgens losgehen, da haben wir keine 4h
Schlaf vor uns. Wir stellen kein Wecker, da wir erwarten, dass wir durch die anderen Bergsteiger
sowieso geweckt werden. Das ist natürlich richtig, dennoch ertappe ich mich, wie ich alle
30min auf die Uhr schaue, in der Angst zu verpennen. Vollkommen gerädert darf ich dann kurz
nach zwei endlich aufstehen. Vor dem Frühstück fangen wir erstmal an unsere Sachen zu
sortieren und sehen dabei schon etliche Gruppen aufbrechen. Wann sind die bitte aufgestanden,
wann haben die gefrühstückt? Beim selbigen kriege ich kaum einen Bissen runter, ich
muss mir das Essen wirklich reinzwingen. Kurz nach drei, brechen wir auf und sind mal wieder die
absolut letzten. Von der Hütte geht es zunächst einen Steig über Felsplatten,
Gletscherschliffe, und Geröll bis zum Monte-Rosa-Gletscher. Immer den Steinmännchen
nach, Ronald kümmert sich um die Wegfindung und schlägt dabei ein höllisches
Tempo an. Ich fühle mich noch gar nicht richtig wach und muss mich sputen, damit ich
hinterher komme. Am Gletscher angekommen, finden wir schnell die recht ausgetreten Spur. Der
Aufstieg zur Dufourspitze ist zunächst ein rechter Gletscherhatscher. Technisch zwar sehr
einfach, aber ohne Spur ist es sicher schwierig sich im Dunkeln zu orientieren. Einen white-out
will ich hier auch nicht erleben wollen. Wir können aber der ausgetretenen Spur folgen, die
sich schier endlos über den Gletscher zieht. Irgendwie geht die Zeit nicht vorbei, es ist
schweinekalt und dunkel, ziemlich monoton das Ganze. Vor uns sehen wir die Lichter der anderen
Gruppen langsam näher kommen. Wir legen eine kurze Rast ein, ich bemerke, dass ich an
meiner, im letzten Winter erfrorenen Hand, schon wieder kein Gefühl mehr habe, Ronald
beklagt sich über erfrorene Zehen. Verdammte Scheiße, denke ich mir, dass ist nun also Dein
Sommerurlaub. Ich krame mir meine fetten Daunenhandschuhe raus, die
Dinger sind einfach Gold wert. Als dann aber endlich die Sonne rauskommt, sieht die Welt wieder ganz anders aus.
Wir sammeln so langsam Gruppe für Gruppe (wobei einige Richtung Nordend unterwegs sind)
ein, die sich teilweise nur noch im Zeitlupentempo voranbewegen. Am Sattel sind wir dann an
allen Gruppen vorbeigezogen und legen dort nochmal eine kurze Pause ein. Die Strecke vom Sattel
bis zum Gipfel ist der schönste Teil der Tour. Man folgt dem Westgrat, der zwei
Firnaufschünge (40°) und felsige Abschnitte beinhaltet, bis zum Gipfel. Der felsige
Teil, hat einige schöne, unschwere Kraxelstellen (max. 3), wobei zwei Stellen
zusätzlich mit Fixseile gesichert sind. An diesem Tag sind etwa 15 Leute auf dem Gipfel:
Eine größere spanische Gruppe, 3 geführte Parteien und wir. Schmunzeln
müssen wir über einen Schweizer Bergführer, der seinen völlig
erschöpften, am Gipfel auf die Knie fallenden Kunden, "XXX, das hast Du
aber super gemacht!" entgegen ruft. Der Kerl sieht eher so aus, als bräuchte er erste Hilfe. Das Wetter hat bis zum Gipfel gehalten, am Horizont sieht
man allerdings schon einige schwarze Wolken. Wir halten noch etwas Smalltalk mit dem schon
vorher erwähnten Bergführer: Über das Marinelli Couloir und seine
Abalakow-Firnschlinge ("Ihr Deutschen tragt lieber Firnanker durch die Gegend, nicht wahr" :-)
). Für den Rückweg nehmen wir die relativ neu eingerichtete Abseilstelle Richtung
Nordend, müssen aber hier recht lange warten, da ein Teil der spanische Gruppe sich nicht
sonderlich geschickt anstellt. Trotzdem ist es eine recht praktische Sache. Auf dem Weg bergab
wünsche ich mir an paar Ski an den Beinen, zumal mein rechtes Knie, durch den Alpencross
schon etwas angeschlagen, anfängt zu schmerzen. Insgesamt denke ich, dass die Dufourspitze
als Skitour lohnender ist. Auf der Monte Rosa Hütte stärken wir uns und gehen dann
unter einsetzendem Regen Richtung Gornergratbahn. 3000 Hm bergab will ich meinem Knie dann doch
nicht antun. In Zermatt angekommen, beschließen wir, nach einem Blick auf die
Wetterprognose, am nächsten Tag abzureisen. 3 Tage später sind die großen
Pässe der Schweiz geschlossen, Dörfer sind überschwemmt und mehrere Menschen
sterben aufgrund des Hochwasser.
Gebiet: Wallis
Ausgangsort: Zinal
Zustieg zur Tracuithütte: ca. 4,5h
Gipfelaufstieg: ca. 8h
Schwierigkeit: ZS+ (III+ im Fels)
Daten Dufour-Spitze:
Gebiet: Wallis
Ausgangsort: Zermatt
Zustieg zur Monte-Rosa-Hütte: ca. 5h
Gipfelaufstieg: ca. 7h
Schwierigkeit: WS+ (III- im Fels)
Führer: Goedecke: 4000er, Bruckmann, Brandt: Walliser Alpen, SAC
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